Bioakustik

Der Begriff Bioakustik geht auf den renommierten Verhaltensbiologen und Stimmenforscher

Prof. em. Dr. rer. nat. habil. Dr. h.c. mult. Günter Tembrock zurück, der ihn 1959 in seinem ersten Buch über Tierstimmen veröffentlichte (Untertitel: „Eine Einführung in die Bioakustik“).

An der Humboldt-Universität hatte er auch die weltweit erste Vorlesung zu diesem Thema gehalten.

„Ganz allgemein gesprochen kann man sagen, dass die Lauterzeugung in der Stammesgeschichte der Tiere offenbar wiederholt unabhängig entstanden ist. Man kann davon ausgehen, dass es sich immer um eine Weiterentwicklung akustischer Vorgänge handelt, die mit elementaren Lebensprozessen und Verhaltensweisen verbunden sind“ (TEMBROCK 1982).

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Ein Aprilmorgen um 4.30 Uhr an der Spitze des Parsteinwerder:

Rohrschwirl, Teichrohrsänger, Blaukehlchen, Kuckuck, Beutelmeise, Rohrammer und Große Rohrdommel  -  der eindringliche Chor der Schilfbewohner übertönt jenen im angrenzenden Wald.

Wir setzen uns in einen der am Steg liegenden Kähne und rudern langsam am Röhrichtwald vorbei, aus der Nähe vernehmen wir noch die leisen Rufe der Bartmeisen, während Nebelschwaden langsam über das Wasser hinweg gleiten, ein Biber schwimmt am Boot vorbei  -  dann erhebt sich eine feuerrote Sonne am Horizont.

Jetzt vernimmt man zunehmend Lachmöwen und Flußseeschwalben, die über den Schilfwald hinweg fliegen, und aus luftiger Höhe ruft eine Rohrweihe.

Das akustische Bild, das man hier gewinnt, ist gewaltig. Die breiten Verlandungsstreifen an der Einengung zwischen dem Hauptbecken und dem Nordteil sind ein idealer Lebensraum und konzentrieren daher eine Vielzahl von Vögeln auf diesen Bereich. Nicht umsonst führte hier das Tierstimmenarchiv der Berliner Humboldt-Universität bioakustische Untersuchungen durch.

Eine Forschergruppe des Instituts für Biologie der Humboldt-Universität Berlin unter Leitung von Dr. Karl-Heinz Frommolt (Kustos des Tierstimmenarchivs des Museums für Naturkunde) führte 2006 am Parsteinwerder bioakustische Untersuchungen durch, bei denen es vor allem um die Erfassung dämmerungs- und nachtaktiver Arten ging. Obgleich die Große Rohrdommel im April auch noch vormittags um

11 Uhr zu hören sein kann (eigene Beobachtungen), sind Dommeln und auch einige Rallenarten sonst tagsüber oft nicht zu bemerken, da sie in den dichten Schilfbeständen ein verborgenes Leben führen.

Durch die nächtliche Stimmenaufzeichnung konnte hier sogar die seltene Zwergdommel nachgewiesen werden.

Bei dem Projekt handelte es sich um eine Machbarkeitsstudie, bei der es zunächst darum ging, zu überprüfen, wie gut man Vogelreviere anhand von Mehrkanalaufzeichnungen erfassen kann. Außerdem galt es zu ermitteln, auf welche Distanz verwertbare Aufnahmen gemacht werden können.

Es ist die erste Studie dieser Art in Deutschland, bei der rufende und singende Vögel akustisch erfasst werden, eine Ausnahme stellt nur die automatisierte Aufzeichnung von Flugrufen ziehender Vogelarten an der Nordseeküste dar.

Gleichzeitig erfolgt neben der akustischen Erfassung die traditionelle Kartierung der Reviere. Vor allem schwer zugängliches Gelände, wie hier am Parsteiner See eignet sich besonders für den Einsatz von Mikrofonen, auch deshalb, weil vor allem zur Brutzeit die Störungen durch einen Beobachter vermieden werden können.

Bioakustisches Monitoring zur Erfassung des Artenspektrums;

vier Richtmikrofone nehmen die Vielzahl der Stimmen in den ausgedehnten Verlandungsbereichen auf.

Tierstimmenarchiv

Für den akustischen Abgleich können die Wissenschaftler auf das Berliner Tierstimmenarchiv zurückgreifen. Es ist das größte in Europa und eines der drei größten der Welt und gleichzeitig eine der ältesten Sammlungen dieser Art. Rund 130 000 Aufnahmen verschiedener Tierklassen liegen hier gespeichert (1800 Vogel- und 580 Säugetierarten sowie mehrere Fisch-, Amphibien-, Reptilien- und Insektenarten).

Gegründet wurde es von Günter Tembrock, die Geburtsstunde kann auf den 30. Oktober 1951 datiert werden: Mit einem speziell für das Zoologische Institut der Humboldt-Universität zu Berlin gebauten Tonbandgerät zeichnete Tembrock einen freifliegenden Waldkauz auf, der vom Gelände des Tiergartens kommend seine gekäfigten Artgenossen im Hof des Instituts aufsuchte.

Weitere Informationen hierzu sind unter folgendem Link zu finden (offizielle Web-Site des Tierstimmenarchivs):

Tierstimmenarchiv

Es ist für jeden Naturfreund ein unglaubliches Erlebnis, im April und Mai frühmorgens auf dem Gelände des Fischereibetriebes auf dem Parsteinwerder zu stehen und den Stimmen zu lauschen.

Zunächst scheint es wie ein zahlloses Durcheinander, doch bei genauem Hinhören kann man durchaus Einzeltiere ausmachen.

Die Gesangsaktivität ist zur Zeit der Revierbesetzung besonders hoch, und die guten Übertragungseigenschaften bei hoher Luftfeuchtigkeit veranlassen die Vögel, vor allem morgens und abends zu singen. Hohe Frequenzen werden im Gelände mit zunehmendem Abstand stärker gedämpft als tiefe, weshalb man z.B. die Große Rohrdommel über sehr große Entfernungen hören kann, wo andere Stimmen längst von Umgebungsgeräuschen übertönt werden  -  auch das ist Gegenstand der akustischen Untersuchungen am See.

Die Video-Dokumentation „Leben in der Verlandungszone“ (von M. Just) entstand zum überwiegenden Teil im hier beschriebenen Bereich des Parsteiner Sees und lässt ein wenig von den akustischen Eindrücken, die man im zeitigen Frühjahr gewinnt, erahnen. Ein kurzer Trailer hierzu ist unter dem Menüpunkt „Film“ (siehe Hauptmenü) zu sehen, ein weiterer mit verändertem Zusammenschnitt auf einer anderen Website (Naturfilme) unter folgendem Link:

Film

Zu Ehren Günter Tembrocks (1918-2011)